Avatar of Hans-Peter HollHans-Peter Holl, 19. März 2018

Wo bitte geht´s zur Disruption?

Speed-Boot gegen Tanker, David gegen Goliath oder experimentierfreudig gegen behäbig. Auf diese Weise wurde in den letzten Jahren vermehrt die Entwicklung in der Versicherungswirtschaft dargestellt. Auf der einen Seite die im Markt wie Pilze aus dem Boden sprießenden Start-ups: schlank, agil, mit innovativen Ideen, jedoch ohne Kunden. Auf der anderen Seite die schwerfälligen etablierten Versicherer – mit einer starken Kundenbasis, dafür aber belastet mit über Jahrzehnten gewachsenen IT-Systemlandschaften und komplexen Produkten sowie Prozessen.

Nach anfänglicher Hektik mit viel Unsicherheit und Befürchtungen kommt langsam Ruhe in die Branche. Das war letzte Woche auch auf der Global Insurtech Roadshow an der Goethe Business School in Frankfurt deutlich zu spüren. Es gibt noch immer sehr viele Neugründungen mit den unterschiedlichsten Ideen. Aber: So disruptiv wie befürchtet agieren diese Start-ups gar nicht! Im Gegenteil – sie sind sogar sehr positiv für die gesamte Entwicklung der Versicherungswirtschaft und zwar aus folgenden Gründen:

1. Miteinander statt gegeneinander

Die wenigsten Insurtechs treten an, um den etablierten Versicherern das Geschäft abzugraben. Die meisten entwickeln innovative Ideen, um Versicherungsunternehmen zu unterstützen. So hat beispielsweise auch kein Digitalversicherer den Goethe InsurTech Award 2018 gewonnen, sondern das Start-up Nect, das mit seinem end2end-Videoident-Verfahren die bisherigen Verifizierungsprozesse bei der Kundenanmeldung vereinfachen will – also unterm Strich Versicherern dabei hilft, Prozesse zu verschlanken. Nect steht für circa 80% der am Markt befindlichen Start-ups. Und das ist auch bei den Traditionsunternehmen angekommen. Zusammenarbeit ist die neue Devise!

2. Die Kunden kommen nicht über Nacht

Die wenigen Insurtechs, die das Kerngeschäft der Versicherer angreifen, merken nun, dass die Kunden nicht wie erhofft Schlange stehen und passen teilweise ihre Geschäftsmodelle entsprechend an. So fusionierte beispielsweise der Online-Versicherungsmakler Knip, der vor drei Jahren mit viel Aufmerksamkeit gestartet ist, im vergangenen Jahr mit dem niederländischen Software-Unternehmen Komparu. Andere wiederum sind nach den ersten Kundenerfolgen mit der Abwicklung von Schadenzahlungen konfrontiert und müssen im Bereich Finanzierung nachjustieren.

Genau bei diesen Insurtechs können sich etablierte Versicherungen wichtige Impulse in puncto Kundengewinnung holen. So setzen beispielsweise Knip, Lemonade oder Element auf offene Programmierschnittstellen als strategisches Vertriebswerkzeug – zum Teil in Verbindung mit White-Label-Lösungen – und stellen damit ihre Produkte wichtigen Multiplikatoren mit direktem Kundenzugang zur Verfügung. In meinem Blogartikel „Invisible Insurance: Warum Versicherer 2018 auf Ökosysteme und offene Programmierschnittstellen setzen sollten“ gehe ich näher auf diese Thematik ein.

3. Konkurrenz belebt das Geschäft

Die Insurtechs haben die gesamte Branche wachgerüttelt – und das zur rechten Zeit. Auch ohne Start-ups würden sich die Versicherer mit dem Thema Kapitallebensversicherung beschäftigen müssen, weil der Druck hier aus dem Markt kommt. Dasselbe gilt auch für die Kostenreduzierung im Allgemeinen. Die Start-ups haben das Augenmerk aber wieder auf die wichtigste Person im Raum gelenkt – den Kunden, Stichwort „Customer Centricity“. Alle Bemühungen rund um Agilität, Produktanpassungen, Usability der Versicherer würden aktuell nicht in dem Maße an Fahrt gewinnen, ohne das Speed-Boot der neuen Konkurrenz im Rücken.

Der erste Insurtech-Sturm hat sich gelegt. Es wird sich zeigen, wer sich von den vielen Start-ups etablieren kann und mit seinem Geschäftsmodell überzeugt und welche Kooperationen wir in den nächsten Monaten noch im Markt beobachten werden. Es bleibt spannend.

 

Die Global Insurtech Roadshow der Goethe Business School in Frankfurt vom 13. /14. März 2018, erzählt in Tweets:

 

 

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